Faust und Adrian Leverkühn

Als Thomas Mann 58 Jahre war, begann er seinen Doktor Faustus zu schreiben. Entsprechend Hermann Kurzke, wollte er es schreiben, weil er immer an seine Lebenseinheit gedacht hatte. Kurzke sagt noch, dass der Faustroman sein letztes Werk sein sollte, und danach wollte er sterben (Kurzke, 1999).

Thomas Mann war ein groβer Bewunderer von Johann Wolfgang von Goethe. Er hat selbst ein Buch geschrieben, in dem Goethe eine Figur ist; in Lotte in Weimar  beschreibt Thomas Mann die Tage des Wiedersehens zwischen Goethe und Charlotte Kestner (geborene Buff), die einmal das Urbild zu Werthers Lotte abgegeben hatte und jetzt, 1816 , mit dreiundsechzig Jahren dem siebenundsechzigjährigen Goethe einen Besuch abstattet. Das siebte Kapitel dieses Buches stellt einen langen inneren Monolog von Goethe dar, sowie Gespräche mit Diener, Sekretär, und Sohn. Also hatte er die Notwendigkeit einen Faustus zu schreiben. ”Ehrgeiz und Ruhmsucht sind im Spiel, die Absicht einen nationalen Mythos weiterzuschreiben, seine Landsleute dabei aber auch zu ermahnen und zu belehren. Nicht geringeres schwebte ihm vor als der Roman seiner Epoche verkleidet in die Geschichte eines Künstlerlebens“ (Kurzke, 1999).

Sowohl Faust, der Held von Goethe, als auch Adrian Leverkühn der Held von Thomas Mann sind einsame und fleißige Männer. Der Unterschied zwischen beiden ist, dass Faust seinen Intellekt zu den religiösen und göttlichen Wahrheiten führt, während Leverkühn ein Künstler (Musiker) ist, und eine schweigsame intellektuelle Intuition hat.

Entsprechend Ludwig Scheidl hinter die Thematik des populären Mythus von Faust, wollte Thomas Mann mit dem Doktor Faustus, den Pakt zwischen dem Tonsetzer und dem Teufel als ein parallel des Pakts  zwischen der deutschen Bevölkerung und Hitler präsentieren.(Scheidl, 1987) Für Thomas Mann wurde Deutschland zum Nationalsozialismus durch die Entartung eines Teils der deutschen Seele geführt.

Anderseits, analysiert Goethe in seinem Faust auch ein wichtiges Problem seiner Zeit: das Urteil von Anna Katharina Höhn, die Kindermord begangen hatte.

Im Folgenden werden diese zwei Werke analysiert, ohne diese anderen Aspekte zu beobachten.                   

Was analysiert und verglichen wird, sind die Figuren von Faust und Adrian Leverkühn, und die Wichtigkeit von Melancholie für Leverkühns Musikproduktion und für Fausts Geistigkeit.

                                                                       *

Das Faust von Goethe basiert auf zwei anderen Bücher: auf das Buch Hiob und das Volksbuch im Jahr 1587 von einem Anonym Autor, von Johann Spiess publiziert; das Volksbuch von Doktor Faust.
In dem Buch Hiob, macht der Teufel eine Wette mit Gott. Gott denkt, dass selbst wenn der Teufel alles von Hiob wegnimmt, würde Hiob seinen starken frommen Glauben  behalten.

Hiob ist treu zu Gott bis dem Punkt, dass er nicht mehr das Elend ertragen kann. Aber er versteht am Ende, dass Gott unverständlich ist, deshalb gibt es so viele Schmerzen in der Welt. Also, er bemerkt, dass die Welt nicht so einfach ist, dass man sogar Gott verstehen kann, aber Er ist doch gut und recht. Deshalb gewinnt Gott die Wette.

Das Volksbuch von Doktor Faust handelt von dem tiefen Zwiespalt zwischen dem flüchtigen irdischen Dasein und der Ewigkeit des himmlischen Lebens. Es zeigt „die Tragödie des leidenschaftlichen nach der Welt und nach Erkenntnis verlangenden und so seine Seligkeit preisgebenden Menschen“. (Petzoldt, 1981)

Der Held dieses Volksbuchs (D. Faust) will alle Gründe von Himmel und Erde erforschen. Er schlieβt einen Pakt mit Mephistopheles, damit der Teufel ihn in die Geheimnisse des Weltalls, der Hölle und der Sterne einführt, und gibt ihm die Macht zu vielen Wundertaten. Aber in grauenvollem Schrecken endet sein sündiges dem Satan verfallenes Leben, denn er muss den Teufel mit seiner Seele bezahlen.

Die Geschichte hat dieses Ende, weil unter dem Gesichtspunkt der lutherischen Orthodoxie Faust religiös-moralisch verdammt werden soll. (Petzoldt, 1981)

Im Faust von Goethe, hält Gott Faust für seinen Knecht, und versteht, dass Faust kein orthodox religiöser ist. Aber Gott ist mit ihm und mit seiner Lust zu dem Wissen und zu  dem Lernen zufrieden.

Anderseits findet Mephistopheles, dass alles auf der Erde herzlich schlecht ist, deshalb wettet er mit Gott, dass wenn er Faust seiner Straβe entlang führen würde, würde Gott Faust verlieren. 

Der Herr akzeptiert die Wette, weil er Mephistopheles als einen Verbesserer des Menschen betrachtet. Mephistopheles ist nicht autonom, sondern nur ein Teil des Planes Gottes. Der Mensch könnte nicht ohne die Zerstörung, ohne das Böse, ohne den Teufel existieren.

Für den Herrn repräsentieren die Aktionen von Faust weder Gut noch Böse, selbst wenn er von Mephistopheles eingeführt wird.

Um seine Wette mit Gott zu gewinnen, versucht Mephistopheles im Prinzip einen ganz normalen Pakt mit Faust zu schlieβen, gleich des Paktes im Volksbuch von Doktor Faust.

 

„Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden,
Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;
Wenn wir uns drüben wiederfinden,
So sollst du mir das gleiche tun.“(Faust: eine Tragödie. Erste Teil; Studierzimmer, Versen 1556-1559)
Im Gegenteil des biblischen Teufels, der alles von Hiob wegnimmt, Mephisto bietet Faust alles, was er nicht besitzt. Aber Faust wettet, dass der Teufel nicht bieten könnte, was er wollte.

 

„Was willst du, armer Teufel geben?“ (Id.; ibd. Vers 1675)
 

Dann macht Faust eine Wette mit dem Teufel nur, um seinen Gesichtspunkt zu demonstrieren. Faust muss treu zu seiner Anschauung halten, dass nichts in der Welt ihn zufriedenstellen könnte, um die Wette zu gewinnen.

„Werd’ ich beruhigt je mich auf ein Faulbert legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Daβ ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuβ betrügen,
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet’ ich!“ (Id; ibd. Versen 1692-1698)
                                                                       *

Schlieβlich, im Doktor Faustus  von Thomas Mann, existiert einen Pakt zwischen dem Tonsetzer Adrian Leverkühn und dem Teufel. Im Kapitel XXV erscheint der Teufel Leverkühn, um den Pakt zu bestätigen. Anders als bei Goethe, wo der Teufel noch recht handgreiflich verkörpert ist, die faktische Existenz dieses Teufels wurde nicht bewiesen. Trotzdem glaubt Leverkühn an ihn, als ob er echt wäre.

Dieser Teufel kann verschiedene Gestalten annehmen. Laut Hermann Kurzke die folgenden Figuren repräsentieren den Teufel: Wendel Kretzschmar, der Leverkühn in die Kunst einführt;  der Religionspsychologe Schleppfuβ, der ihn die Theologie des Bösen und die sexuelle Verführung lehrt; der Dienstmann, der ihn ins Bordell schleppt und der Impresario Saul Fitelberg, der ihm, Jesu Versuchung in der Wüste imitierend, die Reiche dieser Welt zu Füßen legen will.(Kürze, 1999) Man kann natürlich die prostituierte Hetaera Esmeralda hinzufügen. 

Der Teufel erzählt Leverkühn alles was er bietet und auch was Leverkühn bezahlen muss. Kurz, bietet der Teufel zwei Sachen. Zuerst, erinnert er:

 

„Hat nicht Bismarck so was gesagt, wie dass der Deutsche eine halbe Flasche Champagner braucht, um auf seine natürliche Höhe zu kommen?“  (Doktor Faustus, kap. XXV)

 

Der Teufel bietet diese halbe Flasche an. Und Zeit. Er bietet Leverkühn vierundzwanzig Jahre an, genau wie in dem Volksbuch von Doktor Faust.

Und die Bezahlung: am Ende muss Leverkühn mit seiner Seele bezahlen, und er darf in seinem Leben niemanden lieben. 

Diese halbe Flasche, in Wirklichkeit, repräsentiert die Melancholie. Der Teufel versinkt Leverkühn in tiefer Melancholie, denn die Melancholie erlaubt uns zu denken, zu fühlen und auf eine verschiedene Weise zu erwägen. Freud sagt, dass ein Mensch erkranken muss um sich selbst zu verstehen. (Freud, 1976)

Aber der Teufel schafft viele andere Faktoren, die zu der Existenz der Melancholie beitragen. Der größte Grund ist die Krankheit von Leverkühn, d.h. Syphilis.  Leverkühn ist einmal von einem Dienstmann in ein Bordell geführt. Dort hat er eine Prostituierte kennengelernt. Dieser Prostituierte, Hetaera Esmeralda, hat ihn mit Syphilis infiziert.

Der Teufel erklärt die Wichtigkeit der Krankheit:

„Krankheit und nun gar anstößig, diskrete, geheime Krankheit, schafft einen gewissen kritischen Gegensatz zur Welt, zum Lebensdurschnitt, stimmt aufsässig und ironisch gegen die bürgerliche Ordnung und läßt ihren Mann Schutz suchen beim freien Geist bei Büchern, beim Gedanken.“ (id, ibd)
 

Thomas Mann hat in Die Entstehung des Doktor Faust über die Wichtigkeit der Krankenheit für ihn selbst geschrieben:

„Die besten Kapitel von Lotte in Weimar habe ich unter den, Unerfahrenen nicht zu beschreibenden, Qualen einer wohl über ein halbes Jahr sich hinziehenden infektiösen Ischias geschrieben, den tollsten Schmerzen, die ich je ausgestanden, und denen zu entgehen man Tag und Nacht vergebens nach der rechten Position sucht. Sie existiert nicht. Nach Nächten, vorderen Wiederholung mich Gott bewahre, pflegte das Frühstück eine gewisse Besänftigung des in Entzündungsgluten stehenden Nerven zu bringen, und in irgendeiner schrägt angepaβten Sitzmanier an meinem Schreibtisch vollzog ich danach die Unio mystica mit ihm, dem ‘Stern der schönsten Höhe’”. (Die Entstehung des Doktor Faust, Kap. I)
Ein anderer Faktor ist die Verbindung mit der Zeit. Laut Freud wird man Melancholiker, wenn man mit dem Tod bedroht ist (Freud, 1976). Und Leverkühn weiß genau wann er sterben wird.

Ein anderer wichtiger Grund für seine Melancholie ist, dass Leverkühn nicht lieben darf. Freud sagt, dass der Melancholiker seine Fähigkeit zu lieben verliert. (Freud, 1976)

Der Teufel erklärt warum er nicht lieben darf:

“Du darfst nicht lieben. Liebe ist dir verboten, insofern sie wärmt.”(Doktor Faustus. Kap. XXV)
Aber das ist nicht alles. Immer wenn Leverkühn jemanden zu lieben beginnt, tötet der Teufel (mindestens glaubt Leverkühn so) diese Person. Freud vergleicht Trauer und Melancholie und folgert, dass beide einige Male einen gleichen Effekte haben. Zuerst wurde sein Freund der Geigenspieler Rudiger Schwerdtfeger getötet. Danach folgt ein Jahr höchster kammermusikalischer Produktivität. Zuletzt kann Leverkühn sein letztes Werk: Dr. Fausti Wehklag verfertigen, nur als sein geliebter Neffe Nepomuk stirbt.

Sowohl Leverkühn, als auch Faust sind Melancholische Männer.

Bevor Leverkühn den Pakt mit den Teufel schloss, war er schon ein Melancholiker, denn, entsprechend Jaime Ginzburg, „die Enttäuschung von Erwartungen und Überwindung von Grenzen schaffen die Melancholie“ (Ginzburg, 1997). Vor dem Pakt, hatte Leverkühn immer Schwierigkeiten gehabt, zu komponieren.

Man kann dasselbe über Faust sagen, dass er unersättlich über seine menschliche Kondition hinausfühlte. Aber Faust hat nicht seine Seele an Mephistopheles verkauft, sondern hat nur die Wette akzeptiert um seine Gesichtspunkt zu beweisen. Die Melancholie erlaubt Faust verschiedene Anschauungen der Realität, eine durchdringender Anschauung der Wichtigkeit.

Marilena Chauí erklärt, dass die Melancholie das intuitive, religiöse Temperament ist, und die Melancholie kann zu zwei verschiedenen Wegen führen: wenn die äuβerlichen Sinne (der animalische Körper) beruhigt werden, führt der Melancholiker sein Intellekt zur göttlichen Wahrheit. Wenn nicht, führt er sie zu erfinderischen, künstlerischen Kenntnissen. (Chauí, 1999)

Sie vergleicht die erste Art mit dem Kupferstich Melencolia I, von Albrecht Dürer. Dieser Kupferstich ist ein Symbol des besinnlichen, des göttlichen Menschens. Die zweite Art ist von einem andere Kupferstich von Dürer repräsentiert: Hieronymus im Gehäus, wo Hieronymus ruhig arbeitet.

Wir wissen, dass Leverkühn, bevor den Pakt mit dem Teufel zu schließen, schön mindestens eine sexuelle Erfahrung mit Hetaera Esmeralda hatte. Aber Faust, lebte vor der Wette mit dem Teufel nur, um zu studieren, und alles kennen zu lernen.

Deshalb kann man Faust mit den Melencolia I, und Leverkühn mit den Hieronymus im Gehäus identifizieren.

Die Melancholie realisiert drei wachsende Aufstiege: sie geht von mathematischen bis zu künstlerischen Kenntnissen, dann zur vollen Intuition; von einer schweigsamen und reinen intellektuellen Intuition (Hieronymus im Gehäus) bis zur religiösen Wahrheit (Melencolia I).

Also spielt die Melancholie eine unbedingt wichtige Rolle in beiden Büchern. Faust hat allein die höchste und reinste Stufe der Melancholie erreicht, während Leverkühn, mit Hilfe seines Teufels, „nur“ die Künstlerische Stufe erreichen konnte. Aber beide hatten eine durchdringender Anschauung der Welt und von sich selbst, als die anderen Menschen.

 

 

 

 

 

 

 

Bibliographie.

Das Volksbuch von Doktor Faust. Mit Materialien. Ausgewählt und eingeleitet von  Petzoldt, Leander. Stuttgart. Ernst Klett Verlag, 1981.
Chauí, Marilena de Souza. Engenho e Arte: A Estrutura Literária do Tratado da Emenda do Intelecto de Espinosa. Campinas. Anpof, 1999.
Freud, Sigmund. Luto e Melancolia (Trauer und Melancholie). Volume 14 das Obras Completas. Rio de Janeiro: Imago, 1976.
Ginzburg, Jaime.Olhos turvos, mente errante- elementos melancólicos em Lira dos vinte anos, de Álvares de Azevedo.Rio Grande do Sul: UFRG, 1997.
Goethe, Johann Wolfgang von. Fausto: Uma Tragédia (Zweisprachige Version). São Paulo: ed. 34, 2004.
Kurzke, Hermann. Thomas Mann: Das Leben als Kunstwerk. Eine Biographie. München. CH Beck Verlag, 1999.

                                 Thomas Mann: Epoche, Werke, Wirkung. München: CH Beck Verlag, 1994.

Mann, Thomas. Doutor Fausto. Rio de Janeiro: ed. Nova Fronteira, 2000.
     Doktor Faustus: das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian LeverKühn erzählt von einem Freunde . Frankfurt am Main : S. Fischer , 1986

                          A Gênese do Doutor Fausto. São Paulo: ed. Mandarim, 2001.

                          Die Entstehung des Doktor Faustus. S. Fischer, 1949.

Scheidl, Ludwig. Fausto na Literatura Portuguesa e Alemã. Coimbra, 1987.
 

Essay von Leandro Medina Feldmann
leandromfeldmann@yahoo.com.br