Vorlesen — die unterhaltsame Art des Lehrens

Lesen weckt Fantasie; es kann zudem schulische Leistungen steigern, weil ein gutes Buch den Umgang mit Sprache und die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, fördert. Vorzulesen ist für Eltern ein guter Einstieg, um Kinder zu motivieren, selbst zu lesen. Und… es macht einfach Spaß. In Deutschland existiert mittlerweile eine Fülle von guten Projekten rund um das Lesen und Vorlesen. Sie sollen das Vorlesen zuhause jedoch keinesfalls ersetzen, sondern ergänzen.

Vorlesen — Lernen ganz nebenbei

Vorlesen kann faszinieren; Leser wie Zuhörer scheinen den Raum zu verlassen, in dem sie sich befinden, tauchen gemeinsam ein in die Geschichte; der Zuhörer lauscht gebannt dem Vortrag des Lesers. Das Vorlesen kann als Teil der Tradition so genannter Rezitation verstanden werden. Klaus Kinski, Gert Fröbe und Helmut Qualtinger begeisterten auch oder gerade Erwachsene mit ihren Rezitationen.

Aber man muss nicht ins Theater gehen oder zu Lesungen, um auf gute Vorleser zu treffen; man findet sie in privaten Kinderzimmern, in Horts und Kindergärten. Eltern lesen ihren Kindern vor und tun ihnen damit viel Gutes, Au-pairs, Babysitter oder auch eine Tagesmutter nehmen Bücher zur Hand, erzählen Geschichten und machen damit einen guten Job. Kindern vorzulesen ist unterhaltsame Art der Sprachförderung, weil es den Kindern durch Zuhören Auseinandersetzung mit Sprache ermöglicht, nicht immer, aber oftmals auch eigene Leselust anregt. Für Jungs scheint das noch wichtiger zu sein als für Mädchen, schnitten sie doch bei der PISA-Studie 2003 in Deutschland — bezogen auf die Lesefähigkeit — sehr viel schlechter ab als die Mädchen.

Aber Vorlesen ist weitaus mehr als anregende Form des Nachhilfeunterrichts. Die Kinder kommen zur Ruhe, wenn sie zuhören; zwischen Leser und Hörer entsteht im besten Fall eine starke emotionale Bindung, für die Kinder insbesondere das Gefühl, man tut etwas für sie, schenkt ihnen durch das Vorlesen Aufmerksamkeit, nimmt sie ernst. Bereits für Kleinkinder ist das wertvoll. Wer gut vorlesen möchte, sollte nicht krampfhaft versuchen, gut zu sein. Einem guten Vorleser, so Kommunikationstrainer Peter Kleinen in einem Artikel der „Zeit“ aus dem Jahr 2005, „geht es nicht darum, ob er selbst bewundert wird oder versagt“.

Nein, es geht wirklich nicht darum, einen Vorlesewettbewerb zu gewinnen. Perfektion — etwa in Bezug auf Betonung von Wörtern — ist nicht so wichtig, Emotion dagegen sehr: Zeigen Sie Ihren Kindern, dass die Geschichte, die Sie vorlesen, auch Ihnen Spaß bereitet. So etwas wirkt ansteckend. Eine Variante des Vorlesens — insbesondere für kleinere Kinder — ist das Nacherzählen von Geschichten aus Büchern. Hier ist es oftmals noch einfacher, beispielsweise Augenkontakt zu halten, was den emotionalen Aspekt des Miteinanders noch verstärkt.

Andreas Reer | s_reer(at)arcor.de