Ein größerer Busen ohne Operation - das verspricht ein neues Verfahren aus Schweden, das seit Kurzem auch in Deutschland angewendet wird. Klingt, als würde ein Traum vieler Frauen in Erfüllung gehen. Und wo ist der Haken? Agathes Busen ist schön geworden, keine Frage. Vorher war sie etwas platt auf der Brust, aber jetzt beulen sich dort zwei ordentliche Bällchen.

Schade nur, dass Agathe nichts mehr davon hat. Agathe ist nämlich tot. Das war die 70-Jährige allerdings schon, bevor Dr. Afschin Fatemi einer Gruppe von rund 60 interessierten Gynäkologen, plastischen Chirurgen und Dermatologen aus ganz Europa im Uniklinikum Essen an Leichen zeigte, wie man mit ein paar Spritzen eine Frauenbrust vergrößert, bevor die Kollegen sich selbst am posthumen Verschönerungsakt versuchen durften. Keine Schnitte, keine Narben. Oder nur sehr kleine. Keine Kissen, die platzen und auslaufen können. Stattdessen zwei Einstiche und ein paar Kanülen voll des neuen Wunderzeugs Macrolane an die richtigen Stellen gepumpt, und schon kann man mit seinem Wunschbusen nach Hause gehen. So etwa hatte es Katja, 34, gelesen. Ein bisschen nervös hockt sie jetzt auf einer Lederbank in Dr. Fatemis „S-Thetic Clinic” in Düsseldorf.

Seit ihre Jungs auf der Welt sind, seit zwei Jahre Stillen ihren Busen auslaugten, schaute sie zunehmend unglücklich in den Spiegel. Auf einer Beauty-Messe nahm die 34-jährige Kosmetikerin probeweise Silikonkissen in die Hand, aber: „So was, dachte ich, kommt mir nicht unter die Haut.” Dann hörte sie von der Einspritztechnik, die sie in England derzeit als „boob jab” feiern, als schnelle Nummer in der Mittagspause. Dabei sind Vorgespräche nötig, eine Mammografie oder ein Ultraschall. Katjas Mann war alles andere als begeistert.

„Er sagte: Ich liebe dich doch, wie du bist”, erzählt Katja. Aber Katja liebte mehr, was sie mal war. „Wenigstens die alte Form meines Busens will ich wiederhaben”, entschied sie. Ihr Mann zuckte mit den Schultern, ihren Söhnen sagte sie kein Wort, denn „mir hat der Druck meiner Mutter gereicht”. Ihre Mutter versteht nicht, warum man seinen Körper nicht einfach hinnimmt. Sie hat Angst um ihre Tochter. Eine halbe Stunde später ist es so weit. Katja liegt unter einem grünen Laken, nur ihr Busen, der voller schwarzer Markierungslinien gemalt ist, liegt frei. Katja starrt ins OP-Licht. „Ich bin schläfrig”, sagt sie, aber schläfrig sieht sie trotz örtlicher Betäubung nicht aus. Eher ein wenig ängstlich. Dr. Fatemi schneidet ein kleines Loch für die Kanüle, sticht hinein, wühlt sich durchs Gewebe.

Tatsächlich trennt er den Brustmuskel vom Fettgewebe, bereitet dort eine Tasche für den Füllstoff. Katja spürt nichts. Nur einen leichten Druck. Dann setzt Dr. Fatemi die Kanüle an. Durchsichtiges Gel fließt, verschwindet in der Brust. Nur Hyaluronsäure, sagen Ärzte wie Dr. Afschin Fatemi. Der Stoff, der völlig natürlich in unseren Körpern vorkommt - hinter der Augenlinse, als Puffer zwischen den Zellen. Ein Stoff, den Orthopäden in Kniegelenke injizieren. Und ganz nebenbei auch der Stoff, aus dem schon lange viele Frauenträume sind: Allein das Hyaluronsäure-Präparat Resrylane vom schwedischen Hersteller Q-Med wurde in zehn Jahren über neun Millionen Male zur Unterspritzung von Gesichtsfalten benutzt. Auch Macrolane ist Hyaluronsäure - nur in dichterer, festerer Form.

Nichts Neues also, beeilt man sich beim Hersteller Q-Med zu sagen. Denn was nicht neu ist, ist irgendwie ja schon erprobt, gilt als sicher. Tausende von Japanerinnen haben bereits einen Macrolane-Busen. In Tokio spritzen Ärzte seit mehr als fünf Jahren. Doch der hoffnungsvolle Blick auf die japanische Langzeiterfahrung vermag nicht wirklich zu beruhigen - in Nippon ist Brustkrebs ohnehin so gut wie unbekannt. In Schweden, beteuert Q-Med, gab es ebenfalls kleinere Studien. Und außerdem sei Macrolane als Füllstoff in Deutschland offiziell zugelassen. Eine Behörde musste dazu allerdings niemals ihren Segen geben - Füllstoffe fallen nicht unter die Arzneimittel: Sie sind Medizinprodukte.

Da reicht das Plazet einer privatwirtschaftlich organisierten Prüfstelle in Europa. Eine holländische Firma namens Kema hat Macrolane gleich für den Einsatz im ganzen Körper freigegeben. Viele Ärzte sind begeistert. Zünächst fand auch der Berliner plastische Chirurg Dr. Olaf Kauder Gefallen an der neuen Methode. Weniger gefiel ihm dagegen die dürftige Studienlage zu Macrolane: „Die weiblich Brust ist eben keine Falte, sondern enthält ein Drüsengewebe, das sich bei jeder zehnten Frau im Laufe ihres Lebens bösartig verändert”, sagt Kauder. „Wer weiß denn, wie das Drüsengewebe langfristig reagiert, wenn es mit Hyaluronsäure in Kontakt kommt? Wahrscheinlich passiert nichts, aber wissenschaftlich gesichert ist das bisher nicht.

Was passiert, falls eine Patientin nach der Behandlung an Brustkrebs erkrankt? Es dürfte ohne ausreichende Studienlage schwierig sein, den Verdacht der Patientin zu entkräften, der Krebs sei durch die Behandlung entstanden.” Kauder schlug darum Q-Med die Anwendung im Rahmen einer Studie vor: Er wollte beraten, aufklären, spritzen, beobachten, begleiten - die Verantwortung aber hätte letztlich der Hersteller behalten. Der an Kauders Modell nur wenig Interesse fand. Mit dem Basisstoff gebe es jahrelange Erfahrungen, „und der hat im Gesicht ja auch nicht zu Krebs geführt”, sagt Marketingsprecherin Faye Peeters von Q-Med. „Konkrete Forschungen dazu”, das räumt sie ein, „gibt es nicht.”

Immerhin, die Hyaluronsäure ist nicht nur außerhalb des Körpers durchsichtig: Auf Röntgenbildern und bei der Mammografie bildet sie sich nicht ab, regelmäßige Kontrollen bleiben somit möglich. Und mit der Zeit baut der Körper sie ohnehin ab. Vollständig. Beruhigend und frustrierend zugleich: Wer 3000 bis 4000 Euro für seinen Busen hinblättert, will dafür natürlich so lange wie möglich etwas haben. Nach einem Jahr, zeigen Erfahrungen, sollte aufgefüllt werden. Jeder Körper baut Hyaluronsäure unterschiedlich schnell ab. Im Schnitt sind nach zwei Jahren noch bis zu 50 Prozent der Masse vorhanden. Katjas linker Busen ist fertig. Zehn Kanülen sind verbraucht, 100 Milliliter. Das entspricht dem Volumen, das bei Implantaten ein 200-ml-Silikonkissen bringt. Dr. Fatemi knetet die Brust in Form: „Noch geht das, später wird das zäher.” Katja soll sich aufsetzen, ihre Brust begutachten. Sie guckt - und zögert: „Irgendwie sieht man den Unterschied gar nicht so.” Es darf ruhig noch etwas runder werden. Katja legt sich wieder zurück.

Kneten, formen, schneiden. Dr. Thomas Galla, plastischer Chirurg aus Köln, hat ständig mit Frauen zu tun, die unter ihrem zu kleinen Busen leiden. „20 Prozent meiner Patientinnen kommen zudem mit unregelmäßigen Brüsten”, erzählt Galla. „Mit Macrolane kann man so was ziemlich gut ausgleichen, weil es sich dosieren lässt. Bei Silikonkissen ist man immer auf eine vorgegebene Form angewiesen, das wirkt anschließend nie genauso wie die andere Brust. Und dann fühlt sich eine mit Macrolane geformte Brust auch viel natürlicher an.” Melissa Derycke, 26, ist heute zur Nachkontrolle in seine Praxis gekommen. Ihre vor sechs Tagen neu geformte Oberweite trägt sie mit sichtlichem Stolz. Sie hatte sich zum Eingriff entschlossen, als die Bikinizeit drohte. „Meiner Familie habe ich vorher Bescheid gesagt, damit keine blöden Bemerkungen kommen”, erzählt sie.

Zum Termin begleitete sie ihr Freund. Saß breitbeinig auf dem Sofa und sagte: „Dr. Galla, machen Sie mich glücklich!” Für den Spruch hat er sich hinterher einiges anhören müssen von Melissa. „Unmöglich hat er sich benommen. Aber in Wirklichkeit war der einfach nervöser als ich.” Abends saßen sie gemeinsam mit Freunden im Biergarten. „Ungewohnt war es”, erinnert sich Melissa. „Als hätte man dort, wo immer eine Zahnlücke war, plötzlich einen Zahn.” Manche Frauen umarmen ihn, den Doktor, manche brechen beim eigenen, ungewohnten Anblick auch vor Glück in Tränen aus. Klar, das hat man auch als Arzt ganz gern. Seit zwei Jahren arbeitet Galla mit der Einspritztechnik.

Bei der Krebsgefahr winkt er ab, allenfalls die Verkapselung könne ein Thema werden: „Der Körper bildet schon mal eine Art Hülle aus Bindegewebe rund um Fremdkörper”, erklärt Galla. „Macht er ja auch bei Hüftprothesen oder Herzschrittmachern. Sollte diese Hülle sich verhärten, muss man sie eventuell einritzen.” Das Argument, die Kanüle könnte womöglich aus Versehen in Richtung Lunge abgleiten, findet er abwegig: „So gesehen kommt jede Spritze überall hin. Da greift immer der Gelbe-Seiten-Spruch: Man muss halt jemanden fragen, der sich damit auskennt.” Und da wird es schon wieder schwierig: Galla und viele seiner Zunftkollegen halten Dermatologen für „Oberflächenärzte”, die sich von Brüsten gefälligst fernhalten sollten. Fatemi wiederum argumentiert, dass plastische Chirurgen anders als Dermatologen nach der ärztlichen Ausbil-dungsordnung nicht zwingend Faltenunterspritzungen lernen. Ein Duell der Giganten, vielleicht.

In jedem Fall ein fetter Kuchen, von dem jeder gern ein möglichst dickes Stück hätte. Den Busen größer und in Form spritzen, ohne Narkosen, nur mit örtlicher Betäubung. Mit Sofortwirkung, ein paar Pflaster statt aufwändiger Verbände, mit Schonung statt langer Liegezeiten. Operation light sozusagen. Ideal für Frauen, die vor Implantaten bislang zurückschreckten. Die Gefahr: Erst wächst der Busen, dann schrumpft die Selbstzufriedenheit, wenn sich der Füllstoff mit der Zeit wieder abbaut. Schon hängt die Frau quasi an der Nadel des Arztes - oder lässt sich am Ende doch ein Silikonkissen einsetzen. Die Erfahrung der Schweden zeigt bereits: Jede dritte Frau steigt auf Silikon um. Macrolane als Einstiegsdroge? „Bisher ist Macrolane so teuer, dass ich es nur Frauen empfehle, die lediglich eine Körbchengröße zulegen oder ihre alte Brustfülle erreichen wollen”, so Dr. Galla. „Aber in ein paar Jahren wird das Material wahrscheinlich noch dauerhafter sein, es wird Konkurrenzprodukte geben, die Preise werden purzeln. Das ist wie mit dem iPhone - nach dem Hype stabilisiert sich die Nachfrage.”

Der Busen ist fertig. Katja setzt sich auf: „Oh, ist der schwer”, wundert sie sich. „Jetzt gucke ich erst mal, wie mir das Leben damit gefällt. Wenn er irgendwann schrumpft, lasse ich halt nachspritzen.” Die Taschen in ihrem Busen sind in einem Jahr noch da, müsse nicht aufs Neue aufgestoßen werden, das Nachfüllen ist also einfacher. Als würde man ein Fahrrad aufpumpen. „Wer schön sein will, muss halt leiden”, lacht Katja. Sie macht sich auf den Weg. Ein paar Schmerztabletten hat sie in der Tasche, vorsichtshalber. Sie geht nach Hause zu ihrem Mann und ihren Söhnen, die sich vielleicht wundern, dass ihre Mama plötzlich anders aussieht. Und sie wird ihre eigene Mutter anrufen.

Ihr sagen, dass sie aufhören kann zu bangen. Im Essener Uniklinikum bekommen an diesem Tag vier Leichen einen neuen Busen. Und Ärzte aus ganz Europa schälen sich aus den grünen Kitteln. Viele von ihnen sind ausgesprochen zufrieden. Eine Firma in Schweden wahrscheinlich auch. Matthias Kühn Schleimer007@gmx.de

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