Orcas am Tysfjord

Jährlich im Oktober und November ziehen 6 Millionen Heringe in den Tysfjord, um in den Tiefen des schmalsten Fjord Norwegens zu überwintern.

Dieser Speisekammer folgen so ca. 600 Orcas. Ein Festessen steht ihnen ins Haus. 1987 wurde erstmals beobachtet, dass Orcas, die auch „Killerwal“ und „Mörderwal“ genannt werden, in den Tysfjord ziehen und seit 1991 gibt es von Anfang November bis Mitte Januar die Whale-Watching-Touren.

Das Touristikzentrum in Skutvik ist der Ausgangspunkt für unsere Waltour. Bei einem Diavortrag erklärt uns Chantal Forså die Lebensweise der Orcas. Unsere Ungeduld ist groß, doch es muss noch 1 Stunde Busfahrt bis zur Anlegestelle der Langøysund zurückgelegt werden. Mit uns fahren ca. 40 Touristen aus Norwegen, Großbritannien und Schweden. Es ist 10:00 Uhr morgens und 5 Grad unter Null. Wir sind unterwegs zum Winterlager der Heringe und den gefräßigen Orcas. Das Boot schaukelt mächtig und wir müssen uns zunächst einmal an den Seegang gewöhnen.

Das Schlauchboot ist schnell genug, um mit den Orcas Schritt zu halten. Aber es geht nicht um ein Wettrennen, sondern um die Begegnung mit den Meerestieren.
Die Bucht ist voll von Booten und von Orcas. 600 Tiere sind jedes Jahr hier.

So viel wie im Tysfjord gibt es nirgends wo sonst. Schwertförmige Finnen ziehen durch das Wasser und regelmäßig blasen die auftauchenden Meeresbewohner weiße Fontänen in die Luft. Wenn man 10 Flossen über Wasser sieht, sind es noch mal 100 unter Wasser, erklärt uns Chantal auf Englisch.

Wir können beobachten, wie Seeadler mit ausgefahrenen Krallen im Tiefflug Heringe packten, die von den jagenden Schwertwalen an die Oberfläche getrieben werden. 4 Stunden am Tag werden die Orcas besichtigt und betaucht, dann können sie wieder in Ruhe Heringe jagen. Wir genießen diesen spektakulären und einzigartigen Augenblick. Es ist einer jener Momente im Leben, die prägend sind.

Ein Blick in die Tiefe soll sich angeblich lohnen. Man sieht sie am Besten, wenn man selbst ins Wasser steigt. Sie sind sehr neugierig und reisen in Familien. In ihren Gruppen treiben sie die Heringsschwärme zu einem Ball zusammen. Ist der gelungen, stoßen sie zu.
Orcas (Orcinus orca) sind Schwert- bzw. Zahnwale. Eigentlich gehören sie zur Familie der Delphine und sind deren größter Vertreter. Obwohl Norwegen zu den Staaten gehört, die den Walfang nicht vollständig eingestellt haben, genießen die Orcas in Norwegen strikten Artenschutz. Es gibt ca. 1700 Tiere vor der norwegischen Küste.

Ein Orca-Weibchen bekommt alle 5-8 Jahre ein Junges und wird 50 bis 80 Jahre alt. Orca-Bullen haben eine kürzere Lebenserwartung und werden 30 bis 60 Jahre alt. Sie leben in Gruppen, die meist 7-15 Tiere umfassen. Veränderungen dieser Gruppe kommen meist nur durch Geburten und Todesfälle zustande.

Die Jungen werden 2 Jahre lang gesäugt. In dieser Zeit entwickeln sie eine enge Bindung zu ihrer Mutter und der Großfamilie. Von ihnen erlernen sie die Jagdtechniken, die diese Schwertwale zu einem der furchteregendsten Meerestiere machen.

Orcas werden 6-9 Meter lang und erreichen ein Gewicht von bis zu 10 Tonnen. Etwa 100 kg Nahrung nehmen sie täglich zu sich. Daraus ergibt sich die Frage, ob Orcas die Fischbestände und damit die Fänge der Fischer stark negativ beeinflussen. Die Antwort darauf gibt die Natur, deren ökologisches Gleichgewicht über Millionen von Jahren nicht von den Orcas oder anderen Raubtieren belastet wurde, sondern nur durch die Maßlosigkeit des Menschen.

Auto: Erich Hartmann

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